Aufrufe
vor 1 Jahr

DER KONSTRUKTEUR 11/2016

DER KONSTRUKTEUR 11/2016

MENSCHEN UND MÄRKTE

MENSCHEN UND MÄRKTE TRENDS WIE SICH DAS BERUFSBILD DES KONSTRUKTEURS INFOLGE DER DIGITALISIERUNG ÄNDERT Autor: Wilfried Gassner, Dassault Systèmes, München 20 DER KONSTRUKTEUR 11/2016

CLOUD UND MOBILE FIRST Allmählich werden sich Cloud-Lösungen durchsetzen. Nicht nur Ingenieure starten dann branchenund aufgabenspezifische Apps direkt aus der Cloud von einem beliebigen Gerät aus. Dabei gewinnt die Vernetzung und Zusammenarbeit erheblich an Bedeutung, gerade auch mit remote arbeitenden Kollegen in virtuellen Teams. Ob die Bildschirme dann wirklich schon am Handgelenk getragen werden oder im Auto, im Smart Home, im Konferenzraum oder direkt an der Bearbeitungsmaschine genutzt werden, bleibt der Präferenz des Anwenders überlassen. Immer wieder werden die Projektteilnehmer aber auch in die virtuelle Welt der firmeneigenen CAVE (Cave Automatic Virtual Environment, wörtlich übersetzt: Höhle mit automatisierter, virtueller Umwelt) abtauchen können, um ihre Konstruktionen höchst realistisch erleben zu können. Via Engineering Networking werden sie Feedback der Endkunden erhalten, das in ihre Entscheidungen einfließen kann. PROZESSE ÜBERWINDEN UNTERNEHMENSGRENZEN Produkte werden heute zunehmend kooperativ entworfen, auch von Akteuren in unterschiedlichen Unternehmen. So können Konstrukteure den Kollegen bei ihren Lieferanten einen Ad-hoc- Zugang zu den Daten geben. Auf dieser Basis kann der Konstrukteur beim Lieferanten dann ein Bauteil, das er später zuliefern soll, exakt so konstruieren, dass es in die gewünschte Umgebung, etwa die Baugruppe passt. Produktentwicklungsprozesse werden dadurch komplexer und klassische CAD-Werkzeuge werden immer mehr zur Drehscheibe eines ganzheitlichen Entwicklungsprozesses. Auch mit immer leistungsfähigeren digitalen Möglichkeiten werden Konstrukteure und ihr profundes Fachwissen also nicht überflüssig. Neue Aufgaben kommen hinzu, die mehr Verständnis für Prozesse, Systeme und die Kunden erfordern. GANZHEITLICHE ENTWICKLUNG MIT SYSTEMS ENGINEERING Von der Definition der Anforderungen bis zum fertigen Produkt und sogar bis zur Vermarktung und zum Recycling – diese früher getrennten Schritte werden heute von Anfang an ganzheitlich bedacht und geplant. Beschäftigten sich Ingenieure früher hauptsächlich mit der Frage „Was will ich entwickeln?“, lenkt Systems Engineering den Blick auf die Frage „Wie will ich es entwickeln?“, der Entwicklungsprozess wird zum erfolgskritischen Faktor für das künftige Produkt. Systems Engineering hilft, die Reibungspunkte zwischen Anforderungen, Funktionsbeschreibung, Mechanik, Elektronik und Software zu entschärfen und dokumentiert die Abhängigkeiten vorwärts und rückwärts. SIMULATION ERSETZT PROTOTYPEN Virtuelle Tests helfen, späte Konstruktionsänderungen zu vermeiden, Produkte schneller auf den Markt zu bringen und auch mit neuen Entwürfen zu experimentieren, die z. B. Gewicht einsparen. Dazu greift die Simulationsanwendung direkt auf die Konstruktionsdaten aus dem CAD-Programm zu und errechnet auf Knopfdruck, ob verschiedenste physikalische Eigenschaften wie Festigkeit, Wärmeleitung, Rheologie und vieles andere mehr einen sicheren Betrieb erlauben. Falls nicht, wird die Konstruktion verändert, simuliert und erneut angepasst, bis die physikalischen Eigenschaften stimmen und eine für die Fertigung sinnvolle Konstruktion und Produktionsweise herauskommt. 3D-DRUCK ERSETZT KLASSISCHE FERTIGUNG Dank 3D-Druck lassen sich knifflige Geometrien herstellen, beispielsweise Strukturen in Hohlkörpern (sog. Lattice-Strukturen). Und sie sind in ihrer Topologie optimiert, weil ja fast jede Geometrie auch gefertigt werden kann. Stand beim 3D-Druck bisher das Rapid Prototyping im Vordergrund, also die Herstellung von Design-Prototypen, fertigen die Nutzer nun zunehmend echte Teile im Original-Werkstoff. Dadurch sind Teile mit viel besseren Eigenschaften möglich: leichter, komplizierter, integrierter. Ohne die Verzahnung mit CAD- und Simulationswerkzeugen wäre das nicht möglich. Diese neue Art des Workflows und diese neue Technologie bieten enorme Vorteile: Die Konstruktionsphase verkürzt sich und Losgröße 1 ist Fakt; außerdem sparen Unternehmen teure Prototypen und Fehlkonstruktionen. Mehr noch: Ob sich eine Geometrie überhaupt fertigen lässt, muss den Konstrukteur nicht mehr kümmern, er kann sich voll auf die Funktion des Teils konzentrieren. www.3ds.com/de Bilder: 1: freshidea/Fotolia, 2-5: Dassault Systèmes DER KONSTRUKTEUR 11/2016 21

AUSGABE