Aufrufe
vor 4 Wochen

DER KONSTRUKTEUR 7-8/2017

DER KONSTRUKTEUR 7-8/2017

INTERVIEW PRODUKTE UND

INTERVIEW PRODUKTE UND ANWENDUNGEN DAS ABGAS CO 2 ALS ROHSTOFF NUTZEN Den CO 2 -Ausstoß zu senken, daran arbeiten nahezu alle Länder der Erde gemeinsam. Ein Werkstoffspezialist sieht das klimaschädliche Gas mit anderen Augen nämlich als Rohstoff! Das Ziel: den Kohlenstoffkreislauf schließen. Wir sprachen darüber mit Dr. Berit Stange, Venture-Managerin bei Covestro. 36 DER KONSTRUKTEUR 7-8/2017

INTERVIEW Sie wollen den Kohlenstoffkreislauf schließen, warum? Und wie kann das gehen? Was war dabei die größte Herausforderung? Wie sieht die Ökobilanz des Verfahrens aus? Welche Auswirkungen hat die Nutzung von CO 2 als Rohstoff auf den daraus produzierten Werkstoff? Wo finden die so produzierten Kunststoffe Anwendung? Ist die Nutzung dieser Rohstoffquelle für weitere Kunststoffe denkbar? Gibt es ein Label für die Kunststoffe aus Kohlendioxid? Um die Klimaziele der UN zu erreichen und das Paris-Agreement zu erfüllen, müssen wir über die Reduktion von Emissionen hinausdenken. Wir als Unternehmen der chemischen Industrie optimieren zwar kontinuierlich unsere Prozesse und Abläufe und haben so unsere spezifischen Emissionen seit 2005 bereits um über 40 % senken können. Aber hier gibt es klare Grenzen. Wir sollten uns daher zusätzlich Gedanken machen, wie wir Kreisläufe schließen können. Das bedeutet in unserem Fall, dass wir uns überlegen, woher wir den Kernbaustein unserer Produkte – den Kohlenstoff – bekommen, wie wir ihn so effizient wie möglich nutzen und wie wir ihn am Lebensende eines Produkts wiederverwerten können. Beispielsweise indem wir das Abgas CO 2 als Rohstoff für unsere Produkte nutzen. Aktuell können wir bereits im industriellen Maßstab ein Vorprodukt für weichen Schaumstoff damit herstellen. Der Anteil an CO 2 in diesem Vorprodukt beträgt bis zu 20 % – das bedeutet, dass diese Menge vom eigentlich verwendeten, erdölbasierten Rohstoff eingespart wird. CO 2 ist eigentlich ein sehr reaktionsträges Molekül. Um es wieder zur Reaktion zu motivieren, muss man entweder große Mengen an Energie aufwenden oder den richtigen Katalysator und das optimale Prozessdesign nutzen. Letzteres tun wir. Der wissenschaftliche Durchbruch war dabei die Entdeckung des richtigen Katalysators, die uns gemeinsam mit Partnern gelungen ist. Eine begleitende Ökobilanzanalyse des Verfahrens hat ergeben, dass unser Verfahren eine wesentlich bessere Umweltbilanz hat als konventionelle Verfahren. Das liegt auch daran, dass dank des neuen Katalysators und der Prozesstechnologie keine zusätzliche Energie zugeführt werden muss, um das CO 2 zur Reaktion zu bringen. Der Katalysator senkt die Aktivierungsenergie, der sehr energiereiche Reaktionspartner Propylenoxid hält die Reaktion in Gang. So wird es ökologisch wie ökonomisch sinnvoll. Die Qualität der Endprodukte ist mit unserem CO 2 -haltigen Vorprodukt dieselbe wie bei der konventionellen Herstellung. Grundsätzlich macht der Einsatz von CO 2 in unserem Fall den weichen Schaumstoff fester. Die Größenordnung von rund 14 % CO 2 hat sich für die Eigenschaften des Endprodukts als optimal herausgestellt. Das Vorprodukt, das wir derzeit im industriellen Maßstab – das heißt derzeit rund 5 000 t pro Jahr – herstellen, ist für die Anwendung in weichem Schaumstoff konzipiert. Erste Endprodukte werden Matratzen sein. Wir forschen in Sachen CO 2 -Nutzung in mehrere Richtungen: Zum einen wollen wir noch mehr des für uns wertvollen Rohstoffs in unsere Produkte einbauen – bei gleichbleibend hoher Qualität des Endprodukts. Zusätzlich möchten wir noch mehr Produkte mit CO 2 -Anteil herstellen können. Weichen Schaumstoff können wir. Formschaum, wie er in Autositzen vorkommt und harter Schaumstoff, wie er zur Dämmung von Gebäuden genutzt werden kann, sieht ebenfalls vielversprechend aus. Daneben haben wir im Labor auch bereits Elastomere mit CO 2 -Anteil hergestellt. Dieses Material könnte für Schläuche oder Dichtungen verwendet werden. Wir sprechen hier von „cardyon“. Das steht für „beyond carbon dioxide“ und symbolisiert die vielen Facetten, die das Abgas haben kann – zum Beispiel als Rohstoff für die Herstellung hochwertiger Kunststoffe. www.covestro.de Das Interview führte Martina Heimerl IM LABOR HABEN WIR AUCH BEREITS ELASTOMERE MIT CO 2 -ANTEIL HERGESTELLT Dr. Berit Stange, Covestro

AUSGABE