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DER KONSTRUKTEUR ASB 2026

DER KONSTRUKTEUR ASB 2026

DIGITALISIERUNG

DIGITALISIERUNG MANUFACTURING-X IST EUROPAS GEGENENTWURF ZUR PLATTFORMÖKONOMIE DIGITALER ZWILLING WIRD ZUR EINTRITTSKARTE PRODUKTE UND ANWENDUNGEN Mit Manufacturing-X entsteht in Europa eine föderierte Dateninfrastruktur für Industrieunternehmen - jenseits der großen Hyperscaler-Plattformen. Für Konstrukteure rückt damit eine noch oft unterschätzte Frage in den Mittelpunkt: Sind die eigenen Produktmodelle reif für offene Datenräume? Hier geht es um die Modellierung von Merkmalen, die Beschreibung von Varianten oder auch die Frage, welche Nachhaltigkeitsund Lifecycle-Informationen erfasst werden. Wer heute die Weichen richtig stellt, sichert seinen Produkten morgen den Zugang zur industriellen Datenökonomie. Manufacturing-X steht für den Versuch, die europäische Industrie in ein neues digitales Zeitalter zu führen: weg von isolierten Datensilos, hin zu einem gemeinsamen, souveränen Datenraum, und zwar über Unternehmens- und Ländergrenzen hinweg. Die Initiative knüpft an Industrie 4.0 an, geht jedoch einen Schritt weiter: Sie denkt Daten als Infrastruktur, auf der neue Geschäftsmodelle, mehr Resilienz und eine nachhaltigere Produktion aufbauen. GEMEINSAME REGELN UND STANDARDS VERBINDEN Im Kern beschreibt Manufacturing-X ein föderiertes Datenökosystem für die Industrie. von Entwicklung und Konstruktion über Fertigung und Logistik bis in den Betrieb beim Kunden: Unternehmen sollen Daten entlang der gesamten Wertschöpfungsket- te sicher, kontrolliert und standardisiert teilen können. Anders als bei klassischen Plattformen großer Hyperscaler geht es nicht um eine zentrale Super-Plattform, sondern um einen Verbund vieler Teilnehmer, die sich auf gemeinsame Regeln, Standards und Dienste verständigen. Technisch basiert das Konzept auf bereits etablierten Bausteinen der Industrie 4.0, etwa der Verwaltungsschale (AAS, Asset Administration Shell) als digitalem Zwilling von Komponenten und Anlagen, oder auf Kommunikationsstandards wie OPC UA. Sie definieren, wie Assets beschrieben, identifiziert und miteinander vernetzt werden. Manufacturing-X setzt darüber hinaus auf Datenraum-Technologien mit sogenannten Konnektoren, über die Unternehmen ihre Datenquellen anbinden und Nutzungsregeln maschinenlesbar festlegen. WARUM SOUVERÄNE DATENRÄUME Heute ist Datenaustausch meist projektindividuell, kostenintensiv und rechtlich heikel. Jedes OEM-Zulieferer-Verhältnis bringt neue Schnittstellen, NDA-Kaskaden und proprietäre Formate mit sich. Gleichzeitig steigen die Anforderungen: Lieferketten müssen transparenter werden, CO2-Fußabdrücke sind nachzuweisen, digitale Produktpässe und regulatorische Vorgaben erzwingen durchgängige Datenflüsse. Ohne eine neue Dateninfrastruktur drohen viele dieser Anforderungen in administrativem Aufwand zu ersticken. Souveräne Datenräume adressieren genau dieses Problem, indem sie technische und organisatorische Rahmenwerke für den vertrauenswürdigen Datenaustausch bereitstellen. Die Datenhoheit bleibt beim Ursprungsunternehmen, das granular festlegen kann, wer welche Daten zu welchem Zweck verwenden darf. Diese Regeln werden nicht nur vertraglich, sondern auch technisch durchgesetzt. Das senkt die Schwelle besonders für mittelständische Unternehmen, sensible Produktions- oder Qualitätsdaten zu teilen - Voraussetzung für belastbare Kooperationen, etwa in der Losgröße-1-Fertigung oder bei gemeinsamen Nachhaltigkeitsnachweisen. Benedikt Rauscher, Senior Manager External Collaboration bei Pepperl+Fuchs SE, Mannheim 10 DER KONSTRUKTEUR 2026 / ASB www.derkonstrukteur.de

DIGITALISIERUNG KURZGEFASST: MANUFACTURING-X IN DER KONSTRUKTION Manufacturing-X schafft einen souveränen Datenraum für die Industrie als Infrastruktur für einen sicheren, standardisierten Datenaustausch entlang der gesamten Wertschöpfung. Die Initiative baut auf Industrie-4.0-Bausteinen wie Verwaltungsschale (AAS) und OPC UA auf und erweitert sie um Datenraum-Technologien und Governance-Strukturen. Unternehmen behalten die Datenhoheit: Nutzungsrechte und Zugriffe werden technisch und vertraglich kontrolliert, was Hemmnisse beim Teilen sensibler Daten senkt. Politisch ist Manufacturing-X ein Schlüsselprojekt zur Stärkung der industriellen und digitalen Souveränität Europas gegenüber globalen Plattformanbietern. Pilotprojekte zu CO2-Bilanzierung, digitalen Produktpässen und datenbasierten Services leiten den Übergang von Konzepten in reale Umsetzungen ein. Für Konstrukteure bedeutet Manufacturing-X, Produkt- und Anlagendaten von Beginn an datenraumfähig modellieren zu müssen. Der digitale Zwilling wird so zum Eintrittsticket für neue Service- und Geschäftsmodelle. STRATEGISCHE BEDEUTUNG FÜR EUROPA Für Europa geht es bei Manufacturing-X nicht nur um Effizienzgewinne, sondern um industrielle Souveränität. Viele digitale Wertschöpfungsmodelle werden heute von wenigen globalen Plattformanbietern dominiert. Im B2B-Umfeld der Industrie besteht die Gefahr, dass Produktions- und Prozesswissen über diese Plattformen abfließt oder Abhängigkeiten entstehen, welche sich später kaum korrigieren lassen. Manufacturing-X verfolgt deshalb bewusst einen europäischen Ansatz, der technologische Offenheit, Wettbewerb und Datenhoheit ins Zentrum stellt. Offene Standards und interoperable Implementierungen sollen dabei verhindern, dass ein Monopolist den Takt vorgibt. Gleichzeitig entsteht ein Spielfeld, auf dem auch kleine und mittlere Unternehmen datenbasierte Services anbieten können. Das kann von der vorausschauenden Instandhaltung über Optimierungsservices bis hin zu nutzungsabhängigen Geschäftsmodellen reichen. SCHRITT FÜR SCHRITT STATT BIG BANG Auf politischer Ebene ist Manufacturing-X als Schlüsselinitiative gesetzt, getragen von Ministerien, Verbänden und Industrieunternehmen. In Studien und „Bauplänen“ wurden Architekturprinzipien, Rollenmodelle und Prioritäten definiert. Dazu gehören etwa die Beschreibung von Basisdiensten (Identitäts- und Zugriffsmanagement, Zertifizierung, Abrechnung), Governance-Strukturen sowie Migrationspfade von bestehenden Industrie-4.0-Ansätzen in den Datenraum. Parallel dazu laufen erste Pilotprojekte und „Deep Dives“ mit Industriepartnern. Dort werden konkrete Anwendungsfälle technisch durchdekliniert, etwa eine gemeinsame CO2-Bilanzierung entlang der Lieferkette, digitale Produktpässe oder datengetriebene Serviceangebote. Wichtig ist dabei: Manufacturing-X soll kein Big-Bang-Projekt sein. Unternehmen sollen schrittweise andocken können, indem sie bestehende Assets und Systeme via Verwaltungsschale, OPC UA und Datenraum-Konnektoren integrieren. Noch ist der flächendeckende Einsatz nicht Realität, aber der Übergang von Strategiepapieren zu realen Implementierungen hat begonnen. CHANCEN FÜR DIE INDUSTRIE Aus Sicht der Industrie ergeben sich drei zentrale Chancen. An erster Stelle sei die höhere operative Effizienz genannt, weil Daten entlang der Wertschöpfungskette wiederverwendbar sind, das heißt, sie müssen nicht immer wieder neu erhoben, bereinigt und integriert werden. Hinzu kommt ein Plus an Resilienz: Wer Daten transparent teilt, erkennt Bestände, Kapazitäten und Risiken früher - ein wichtiger Faktor in volatilen Lieferketten. Und drittens lassen sich neue Geschäftsmodelle entwickeln, mit Services, die auf Maschinen-, Prozess- und Nutzungsdaten basieren. Interessant ist das etwa für Verfügbarkeitsgarantien, Pay-per- Use-Modelle oder auch performancebasierte Verträge. Besonders vielversprechend ist, dass Manufacturing-X nicht auf einzelne Branchen beschränkt bleibt: Automobilindustrie, Maschinen- und Anlagenbau, Prozessindustrie oder auch Energieversorgung können im gleichen Datenraum zusammenarbeiten, solange sie gemeinsame semantische Modelle und Governance-Regeln nutzen. Die Plattform kann damit zum Katalysator für branchenübergreifende Ökosysteme werden. DATENRAUMFÄHIG KONSTRUIEREN Obwohl der Schwerpunkt von Manufacturing-X auf der gesamten industriellen Wertschöpfung liegt, bleibt die Konstruktion ein entscheidender Hebel. Denn die Qualität der späteren Daten hängt stark von den Entscheidungen im frühen Entwicklungsprozess ab: Welche Merkmale werden modelliert, wie werden Varianten beschrieben, welche Nachhaltigkeits- und Lifecycle-Informationen werden erfasst? Das sind wichtige Fragen. Für Konstrukteure bedeutet das perspektivisch, dass sie digitale Produktmodelle so aufbauen müssen, dass sie datenraumfähig sind - also Verwaltungsschale, semantische Standards und eindeutige Identifikatoren unterstützen. Wer schon heute CAD, PDM/PLM und Automatisierungstechnik konsequent auf diese Standards ausrichtet, schafft die Basis dafür, dass seine Produkte später nahtlos in Manufacturing-X-Szenarien eingebunden werden können. Der digitale Zwilling aus der Konstruktion wird damit zum Eintrittsticket in die Datenökonomie der Industrie. Bilder: Pepperl+Fuchs www.pepperl-fuchs.com Asset Administration Shell (AAS): Baustein für Manufacturing-X www.derkonstrukteur.de DER KONSTRUKTEUR 2026 / ASB 11